Andacht und Teetrinken am 21.9.2024

Why Only One Story?

Inhaltsverzeichnis

Hallo liebe Freunde und Freunde der Freunde!

Kommenden Samstag, den 21.9. um 17 Uhr, findet ,in der Königstraße 132 in 47798 Krefeld die nächste Quäker-Andacht statt, zu der Ihr wieder herzlich eingeladen seid.

Wer möchten, kommt gerne schon um 16 Uhr, um sich mit der Bibel zu beschäftigen, Glaubensfragen zu diskutieren und/oder einfach nur Tee zu trinken.

Intro

Wie im dem vergangenen Beitrag angekündigt, lesen und diskutieren wir weiter in der Themenreihe zu dem Buch von Mark Russ “Quaker Quicks, Quaker Shaped Christianity: How the Jesus story and the Quaker way fit together”. Beim ersten Teil letztes Mal, hatten wir schon eine sehr lebhafte und engagierten Austausch. Wir sind mit dem Text auch nicht ganz durchgekommen und deshalb schneide ich diesmal nicht exakt nach Kapiteln, sonder wie ich einschätze, was man in 60 Min. schaffen kann.

Für diejenigen, die bei dem letzten Mal nicht dabei waren: die Tee-Runde ist so angelegt das man weder Das Buch besitzen muss, noch es gelesen haben sollte und auch nicht bei allen Treffen dabei gewesen sein muss. Se folgt als Diskussionsgrundlage und Einstimmung hier ein paar Kernaussagen des Buches als Zitate, übersetzt und ergänzt mit meinen eigenen Gedanken dazu.

Why Only One Story?

Es geht weiter mit dem Kapitel zwei, das überschrieben ist mit “Why Only One Story? – Christianity and Universalism” also “Warum nur eine Geschichte? Christentum und Universalismus”

“The attraction of universalism”

Unterkapitel “The attraction of universalism” also “Die Anziehungskraft des Universalismus”.

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As well as choosing universalism over what I saw as a narrow Christianity, universalism promised other benefits. History is filled with deadly religious conflict, and embracing universalism seemed to be a step towards peace. Peace is a fundamental Quaker value, and so in a multi-faith world, universalism seems like the most moral option, and a natural belief for a Quaker. Abgesehen davon, dass ich mich für den Universalismus entschied, statt für ein aus meiner Sicht zu enges Christentum, versprach der Universalismus noch weitere Vorteile. Die Geschichte ist voll von tödlichen religiösen Konflikten, und die Annahme des Universalismus schien ein Schritt in Richtung Frieden zu sein. Frieden ist ein grundlegender Wert der Quäker, und so scheint der Universalismus in einer multireligiösen Welt die moralischste Option und ein natürlicher Glaube für einen Quäker zu sein.

Diese Beobachtung kann ich bestätigen. Viele der (heute älteren) Freunde (Quäker) und Freunde der Freunde, zur Hochzeit der westdeutschen Friedensbewegung und aus dieser kommend sind zum Quäkertum dazugestoßen. Mit dem Abebben der Friedensbewegung ebbte auch der Zustrom zu den Quäkern ab.

Als historische Friedenskirche1 ist das Thema Pazifismus für Quäker jedoch bedeutend älter . Es entstammt nicht aus einem universalistischen Ansatz, sondern aus einer christlichen Überzeugung, also der Konfession, der viele die Ursache und Mitverantwortung für viele Kriege geben. Auch nach dem ersten Weltkrieg gab es in Deutschland eine Eintrittswelle bei den Quäkern. Dies Eintritte waren sicherlich auch motiviert aus der Kriegserfahrung und dem Wunsch künftige Kriege zu verhindern. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es auch wieder Eintritte, auch z.T. von Alt-Nazis. Vielleicht unbewusst oder bewusst aus der Scharm und den Wunsch nach Wiedergutmachung, dass man auf der falschen Seite der Geschichte stand. Vielleicht brauchte es nicht mehr Überzeugung aber sicherlich mehr Mut, kurz nach nach der Machtergreifung der Nazis 1933 in Deutschland dem Quäkertum beizutreten. Denn das passiert nämlich auch.

The problems with universalism

Das Unterkapitel “The problems with universalism” also “Die Probleme mit dem Universalismus”. Hier analysiert Mark Russ die Verheißung des Universalismus.

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Universalism has been described to me using several metaphors, two of which particularly stick in my mind. The first describes God or Divine Truth as a mountain. Each religious tradition is a different path up the same mountain. The apparent differences between each path are only superficial, because they share the same foundation and goal. They are each journeying to the top of the one mountain. The second metaphor involves an elephant. A team of blindfolded people are attempting to describe the elephant, but each person has taken hold of a different part. […] Der Universalismus ist mir mit mehreren Metaphern beschrieben worden, von denen mir zwei besonders im Gedächtnis geblieben sind. Die erste beschreibt Gott oder die göttliche Wahrheit als einen Berg. Jede religiöse Tradition ist ein anderer Weg, der auf denselben Berg führt. Die scheinbaren Unterschiede zwischen den einzelnen Pfaden sind nur oberflächlich, denn sie haben die gleiche Grundlage und das gleiche Ziel. Sie sind alle auf dem Weg zur Spitze des einen Berges. Bei der zweiten Metapher geht es um einen Elefanten. Ein Gruppe von Menschen mit verbundenen Augen versucht, den Elefanten zu beschreiben, aber jeder von ihnen hat einen anderen Teil in die Hand genommen.

Die Parabel von den Blinden und dem Elefanten, die hier Mark Russ erwähnt, kenne ich auch aus meiner intensiven Beschäftigung mit dem Buddhismus. Z.B. zu finden bei Damien Keown: Buddhism. A Very Short Introduction. Oxford / New York: Oxford University Press 1996. Im Reclam-Verlag auch übersetzt ins Deutsche. isbn 978-3-15-019199-6.

Englisch Deutsch
Each religious tradition offers only a limited understanding of a bigger truth. […] But if we think about how these metaphors relate to universalism, we then have to ask: is it possible to step back from our situation and see the whole picture? Each one of us occupies a position in time and space. We each embody a particular set of experiences, a specific history. We can’t step outside our bodies, our language and culture. The “birds-eye view” or “whole elephant” are never available to us. We can never say with confidence that there is a universal spiritual experience that all faith traditions share. […] Universalism springs from an admirable desire for peace, for equality between faiths, but it accidentally assumes a position of superiority that has its roots in colonialism. […] Although the universalism of the mountain and elephant metaphors presents itself as above or separate from the faith communities of the world, as transcending tradition and theology, universalism is itself a tradition and has a theology of its own. Another problem with universalism is that, by emphasizing the similarities between all faith traditions, the differences between them are treated as superficial “added extras.” In the previous chapter, I wrote how the Judaism of Jesus and the Christianity of the early Quakers aren’t “added extras” […] When we ignore specifics we get a limited, skewed and inaccurate understanding of different faiths. […] In the mountain metaphor, each path heads towards the same destination, but in reality, each faith tradition has its own understanding of the goal of human life. Each has its own definition of “salvation.” Jede religiöse Tradition bietet nur ein begrenztes Verständnis einer größeren Wahrheit. […] Wenn wir aber darüber nachdenken, wie sich diese Metaphern auf den Universalismus beziehen, müssen wir uns fragen: Ist es möglich, von unserer Situation zurückzutreten und das ganze Bild zu sehen? Jeder von uns nimmt eine bestimmte Position in Zeit und Raum ein. Jeder von uns verkörpert eine bestimmte Reihe von Erfahrungen, eine spezifische Geschichte. Wir können nicht aus unserem Körper, unserer Sprache und Kultur heraustreten. Die „Vogelperspektive“ oder der „ganze Elefant“ sind für uns nie zugänglich. Wir können nie mit Sicherheit sagen, dass es eine universelle spirituelle Erfahrung gibt, die alle Glaubenstraditionen teilen. […] Der Universalismus entspringt einem bewundernswerten Wunsch nach Frieden, nach Gleichheit zwischen den Religionen, aber er nimmt unbeabsichtigt eine Position der Überlegenheit ein, die ihre Wurzeln im Kolonialismus hat. […] Obwohl der Universalismus der Berg- und Elefantenmetapher sich als über den Glaubensgemeinschaften der Welt stehend oder von ihnen getrennt darstellt, als über Tradition und Theologie hinausgehend, ist der Universalismus selbst eine Tradition und hat eine eigene Theologie. Ein weiteres Problem des Universalismus besteht darin, dass durch die Betonung der Gemeinsamkeiten zwischen allen Glaubenstraditionen die Unterschiede zwischen ihnen als oberflächliches „Beiwerk“ behandelt werden. Im vorigen Kapitel habe ich geschrieben, dass das Judentum Jesu und das Christentum der frühen Quäker keine „zusätzlichen Extras“ sind […] Wenn wir die Besonderheiten ignorieren, erhalten wir ein begrenztes, verzerrtes und ungenaues Verständnis der verschiedenen Glaubensrichtungen. […] In der Bergmetapher führt jeder Weg zum gleichen Ziel, aber in Wirklichkeit hat jede Glaubenstradition ihr eigenes Verständnis vom Ziel des menschlichen Lebens. Jede hat ihre eigene Definition von „Erlösung“.

In der Tat ist es so, dass es formal kein Hinderungsgrund im Buddhismus ist, Christ zu sein und zu bleiben, wenn man übertritt. Als Buddhist legt man kein Glaubensbekenntnis ab, sondern ein Gelöbnis. Je nachdem ob ich Laie bleibe oder zum (buddhistischen) Mönch ordiniere, sind die Gelübte umfangreicher, eigentlich nicht unähnlich zum Quäkertum. Allerdings ist die Vorstellung darüber, was Erlösung ist und wie man sie erreicht unterschiedlich.

Jesus, my place to stand and guiding star

Das Unterkapitel “Jesus, my place to stand and guiding star”, also “Jesus, mein Platz zum Stehen und mein Leitstern”.

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The first Christians I knew who talked openly about their beliefs, told me in no uncertain terms that if I didn’t accept Jesus as my personal savior, I would spend eternity suffering in hell. […] By implication, people of other faiths and the wrong sorts of Christians were going to burn. […] I’ve since discovered that this picture of a sadistic God who demands we sign up to a set of specific, abstract beliefs in order to enter heaven, or escape hell, is only one way of telling the Jesus story. […] The idea of eternal conscious torment is incompatible with the idea of God being Love, or God as just. It makes no sense. If we take this sort of hell out of the equation, this immediately lowers the stakes. I don’t need to convert people to my faith to save them from a grisly fate after death. […] Die ersten Christen, die ich kannte und die offen über ihren Glauben sprachen, sagten mir ohne Umschweife, dass ich auf Ewigkeit in der Hölle kommen würde, wenn ich Jesus nicht als meinen persönlichen Erlöser annehmen würde. […]Das bedeutet, dass auch Andersgläubige und die falschen Christen verbrannt werden sollten. […] Inzwischen habe ich entdeckt, dass dieses Bild eines sadistischen Gottes, der von uns verlangt, dass wir eine Reihe spezifischer, abstrakter Glaubenssätze unterschreiben, um in den Himmel zu kommen oder der Hölle zu entkommen, nur eine Art ist, die Jesusgeschichte zu erzählen. […] Die Vorstellung einer ewigen bewussten Qual ist unvereinbar mit der Vorstellung, dass Gott Liebe ist oder dass Gott gerecht ist. Das ergibt keinen Sinn. Wenn wir diese Art von Hölle aus der Gleichung herausnehmen, steht sofort weniger auf dem Spiel. Ich muss die Menschen nicht zu meinem Glauben bekehren, um sie vor einem grausamen Schicksal nach dem Tod zu bewahren. […]

Zum Thema “Hölle” hatten wie schon mal eine Tee-Runde gehabt. Siehe hier zu "Quäker-Andacht 6.4.2024". Das ist ein schwieriges Thema. Wenn Mark Russ hier die Hölle mal eben so im Vorbeigehen “Hölle aus der Gleichung nimmt” macht er es sich , meinem Geschmack nach, etwas zu einfach. Es mag so erscheinen, als hätte er ein kniffliges Thema so auf elegante Art gelöst, aber so leicht ist es nicht. Die Hölle ist einfach zu präsent im Neuen Testament, um mit diesen Move nicht wieder neue Probleme und Fragen aufzuwerfen.

Englisch Deutsch
The emptiness of this focus on “right belief” is most chillingly revealed when we consider that holding “correct,” “authorized” beliefs hasn’t stopped Christians from committing atrocities, such as white European Christians enslaving black Africans. […] The idea that actions are more important than beliefs is itself a belief! Because of this, I don’t think we can neatly separate beliefs from actions. […] Right action demonstrates right belief, and right belief produces right action. This was a strongly-held conviction of the first Quakers, who believed that we demonstrate our relationship with God through living Spirit-empowered lives. […] We might think keeping our beliefs to ourselves is a good way to maintain peace in a multi-faith world. […] Die Leere dieser Konzentration auf den „richtigen Glauben“ wird am erschreckendsten deutlich, wenn wir bedenken, dass der „richtige“, „autorisierte“ Glaube Christen nicht davon abgehalten hat, Gräueltaten zu begehen, wie etwa die Versklavung von Schwarzafrikanern durch weiße europäische Christen. […] Die Vorstellung, dass Handlungen wichtiger sind als Überzeugungen, ist selbst eine Überzeugung! Aus diesem Grund glaube ich nicht, dass wir Überzeugungen und Handlungen sauber voneinander trennen können. […] Richtiges Handeln zeigt den richtigen Glauben, und richtiger Glaube führt zu richtigem Handeln. Dies war eine feste Überzeugung der ersten Quäker, die glaubten, dass wir unsere Beziehung zu Gott durch ein Leben in der Kraft des Geistes zeigen. […] Man könnte meinen, dass es ein guter Weg ist, den Frieden in einer multireligiösen Welt zu bewahren, wenn wir unsere Überzeugungen für uns behalten. […]

Das ist die Frage: Ist eine säkulare[^foot002] Welt wirklich eine so viel friedlichere? Gerade wenn ich an die Nazis denke, scheint mir das leicht wiederlegbar zu sein.

Englisch Deutsch
I believe “God is Love” is a fundamental, universal truth. Just as I need a way to tell truth from lies, I need this truth to be publicly championed. […] This might sound like I’m contradicting myself. Earlier I criticized universalists for making universal claims, and now I’m saying “God is Love” is universally true. […] To be a Quaker-shaped Christian is to treat all others with respect and seek the good of all, regardless of their faith tradition. […] So, do I believe Christianity is the one true faith? The early Quakers certainly thought so. They believed everyone could be saved through responding to God inwardly, to the “inward light,” regardless of their religious tradition, but the identity of this inward light was found in Jesus Christ. All those outside Christianity who responded to this light were part of the “Church invisible,” as if they were Christians without knowing it. […] There’s a danger that, in writing about what the Jesus story means to me in such personal terms, I’m presenting Christianity as an individual philosophy that can be practiced in isolation. Christianity is generally something people do together. Jesus gathered a community around him, and the early Church experienced the Spirit of the Resurrected Christ bringing different people together into a spiritual whole, a new type of family. Ich glaube, dass „Gott ist Liebe“ eine grundlegende, universelle Wahrheit ist. Genauso wie ich einen Weg brauche, um die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden, brauche ich es, dass diese Wahrheit öffentlich vertreten wird. […] Es mag sich so anhören, als ob ich mir selbst widerspreche. Vorhin habe ich die Universalisten dafür kritisiert, dass sie universelle Ansprüche stellen, und jetzt sage ich, dass „Gott ist Liebe“ universell wahr ist. […] Ein von den Quäkern geprägter Christ zu sein bedeutet, alle anderen mit Respekt zu behandeln und das Wohl aller zu suchen, unabhängig von ihrer Glaubenstradition. […] Glaube ich also, dass das Christentum der einzig wahre Glaube ist? Die frühen Quäker haben das sicherlich so gesehen. Sie glaubten, dass jeder gerettet werden kann, indem er sich innerlich auf Gott, auf das „innere Licht“, einlässt, unabhängig von seiner religiösen Tradition, aber die Identität dieses inneren Lichts wurde in Jesus Christus gefunden. Alle Menschen außerhalb des Christentums, die auf dieses Licht reagierten, waren Teil der „unsichtbaren Kirche“, so als ob sie Christen wären, ohne es zu wissen. […] Wenn ich darüber schreibe, was die Jesus-Geschichte für mich persönlich bedeutet, besteht die Gefahr, dass ich das Christentum als eine individuelle Philosophie darstelle, die man isoliert praktizieren kann. Das Christentum ist im Allgemeinen etwas, das Menschen gemeinsam tun. Jesus scharte eine Gemeinschaft um sich, und die frühe Kirche erlebte, wie der Geist des auferstandenen Christus verschiedene Menschen zu einem geistigen Ganzen, zu einer neuen Art von Familie zusammenführte.

Mark Russ formuliert es nicht so deutlich, aber im Grunde sagt er, er kann oder will sich über die Frömmigkeit anderer Religionen kein Urteil bilden. Er glaube aber, dass Christus auch Nichtchristen (Atheisten, Muslime, Buddhisten usw.) führen und zur Erlösung und zum ewigen Leben führen kann, auch wenn sie nicht an Christus glauben, oder ihn nicht kennen.

Russ schränkt aber ein, dass er glaubt, dass keine Religion und kein Gläubiger von Gott oder Christus (im verborgenen) geleitet sein kann, wenn nicht zu erkennen ist, dass dieser Mensch von Liebe erfüllt und geleitet wird.

Die Bildung von christlichen Gemeinschaften hält er für den Willen Jesu. Warum das so ist und welche Merkmale eine Gemeinschaft haben muss, um als solche zu gelten oder wie sie zu organisieren ist oder wie die zu bewerten sind, die sich Absonderung und die Einsamkeit suchen, das alles erläutert er nicht. Das bleibt einfach im Raum stehen.


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  1. Siehe Wikipedia Friedenskirche_(Konfession)[^foot002]: Zu Begrifflichkeit Säkularismus in Wikipedia ↩︎