Andacht und Teetrinken am 13.6.2026
Was stürzte das Christentum in die Krise?
Hallo liebe Freunde und Freunde der Freunde!
Kommenden Samstag, den 13.6.2026 um 16 Uhr, findet in der Königstraße 132 in 47798 Krefeld die nächste Quäker-Andacht statt, zu der Ihr wieder herzlich eingeladen seid.
Für alle, die möchten, gibt es im Anschluss ab 17 Uhr die Möglichkeit, sich mit der Bibel zu beschäftigen, Glaubensfragen zu diskutieren oder einfach nur Tee zu trinken.
Das Thema diesmal
Als Thema schlage ich die Frage vor:
„Was stürzte das Christentum in Europa in die fundamentale Krise, die wir heute sehen?“
Die (Dauer-)Krise des Christentums
Dazu muss man gleich zu Beginn eine erste Einschränkung machen: Weltweit stagniert das Christentum beziehungsweise wächst moderat mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum. Die Krise des Christentums ist also in erster Linie eine Krise in Europa. Würde man die frühen Freunde (Quäker) fragen, würden sie die Frage noch weiter einschränken und sagen: Das Kultur-Christentum mit seiner äußeren Form befindet sich in einer Krise, aber nicht die Kirche an sich – als „Leib Christi“ verstanden. Und sie würden es wahrscheinlich sogar feiern! Schon W. Penn sprach in seinem Buch „Ohne Kreuz, keine Krone“ seinen Zeitgenossen zum Teil ab, echte Christen zu sein, weil sie sich so inhuman verhielten.
Aus diesem kurzen Abrisse von dem, was das Christentum ehemals war, kannst du - o Christenheit! - nun sehen, was du nicht bist, und was du folglich sein solltest. Wie gehet es aber zu, dass wir statt eines so sanften, barmherzigen, sich selbst überwindenden, duldenden, mäßigen, heiligen, gerechten und guten Christentums, das Christo, dessen Namen es führet, so ähnlich war, jetzt ein abergläubisches, abgöttisches, verfolgendes, stolzes, exzessives, neidisches, boshaftes, selbstsüchtiges, trunkenes, wollüstiges, unreines, lügenhaftes, fluchendes, habsüchtiges, bedrückendes, betrügerisches Christentum vorfinden? Ein Christentum, das aller Abscheulichkeiten, die man nur auf der Erde kennt, voll ist, und diese noch dazu in einem so hohen Übermaße ausübt, dass es den schlimmsten der heidnischen Zeitalter zur Schande gereichen würde, indem es jene früheren Jahrhunderte noch mehr im Bösen selbst, als in der Zeitdauer desselben übertriftt.
W. Penn, „Ohne Kreuz, keine Krone“, Kapitel 2, Abschnitt 8.
Und damit sind wir beim Thema und der zentralen Frage:
Warum ist heute der „Humanismus“ der Inbegriff von Menschlichkeit und nicht das „Christentum“?
Wurzeln des Humanismus
Noch kurz zum Begriff „Humanismus“: Der Renaissance-Humanismus ist als eine Bildungsbewegung entstanden – noch vor dem Protestantismus. Die Humanisten wandten sich gegen das theozentrische Mittelalter, bei dem Gott im Mittelpunkt stand. Es gab eine Rückbesinnung auf die vorchristlichen antiken Quellen, um durch Bildung freie, unabhängige Persönlichkeiten zu formen. Erasmus von Rotterdam gilt als einer der berühmtesten Vertreter dieser Zeit.
Das, was der Humanismus feiert, sind Philosophen, Dichter und Denker der vorchristlichen Zeit – nicht aber die Tyrannen und den Pöbel der Antike, den es natürlich auch gab. Trotz dieser selektiven Sicht hatte der Humanismus eine enorme Wirkung und bildete die Grundlage für die Fundamentalkritik am Christentum. Der Humanismus war in seiner Bedeutung wesentlich nachhaltiger, als es später die Kritik der Nihilisten und Existenzialisten des 19. und 20. Jahrhunderts je war, auch wenn Letztere noch konsequenter und radikaler argumentierten. Selbst die 68er-Bewegung prägte die Reformen in der Sozialarbeit vor allem mit Bezugspunkten zum Humanismus.
Wenn man sich die Geschichtsschreibung der Antike ansieht, spielte der Humanismus in der Politik damals keine große Rolle. Die Kriege und Gesellschaftsordnungen waren durch große Grausamkeit und Ungerechtigkeit geprägt. Umso erstaunlicher ist es, dass der Humanismus trotzdem als der große Hoffnungsträger der Demokraten gilt. Und man muss neidlos eingestehen: Die heutige Kopie ist – zum Glück – besser als das Original der Antike!
Im Gegensatz zu den späteren Existenzialisten und Nihilisten vertreten Humanisten die Auffassung, dass es eine universelle Moral (A priori) gibt – eine Moral, die auch ohne einen Gott auskommt. Die Existenzialisten und Nihilisten halten Moral dagegen für ein soziales Konstrukt; ein Konstrukt, das man frei wählen oder auch ablehnen kann.
Offenbar behagte vielen Menschen diese Vorstellung von „Freiheit“ nicht. Die Infragestellung jeglicher moralischer Grundsätze wurde einerseits mit den wilden 20er-Jahren in Verbindung gebracht, als auch mit dem darauf folgenden Faschismus. Vor allem der Faschismus zeigte vielen Menschen auf, dass man auf moralische Standards nicht verzichten konnte und wollte.
Vielleicht macht die Erfahrung mit dem Faschismus auch das Christentum mit seinen autoritären, patriarchalischen Führerfiguren verdächtig. Der Faschismus war auch ein moralisches Versagen vieler Christen. Ist der Humanismus vielleicht das bessere Christentum?
Gegenüberstellung
Wenn man versucht, die wichtigsten Merkmale herauszuarbeiten, könnte eine tabellarische Gegenüberstellung so aussehen:
| Merkmal | Humanismus | Christentum |
|---|---|---|
| Zentrum & Ursprung | Die Vernunft und Handlungsfähigkeit des Menschen. Maßstab sind irdisches Wohlergehen und freie Entfaltung. | Der Glaube an Gott als Schöpfer. Maßstab ist die Ausrichtung auf Gottes Gebote und die Nächstenliebe. |
| Menschenbild | Der Mensch ist frei, sich aus eigener Kraft zu entwickeln und Verantwortung für sein Schicksal zu übernehmen. | Der Mensch ist Ebenbild Gottes, aber durch die Sünde fehlerhaft und auf Gottes Gnade/Erlösung angewiesen. |
| Ethische Werte | Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Moral werden durch logisches Denken und Empathie abgeleitet. | Werte werden primär durch die Offenbarung (Bibel) und das Leben Jesu Christi legitimiert. |
| Ziel des Lebens | Selbstverwirklichung, gesellschaftlicher Fortschritt, Aufklärung und die Gestaltung des menschlichen Lebens im Hier und Jetzt. | Gemeinschaft mit Gott im Leben nach dem Tod (Erlösung), ergänzt durch verantwortungsvolles Handeln im Hier und Jetzt. |
Ist der Absolutheitsanspruch eines Monotheismus das Problem?
Eine oft geäußerte These besagt, dass das Christentum per se intoleranter ist, weil ihm der Absolutheitsanspruch eines Monotheismus inhärent ist – ähnlich wie beim Islam. Das Judentum wird meist ausgenommen, da es nicht missioniert.
Im Umkehrschluss müssten Religionen wie der Hinduismus, der ebenfalls nicht missioniert, besonders tolerant sein. Das deckt sich aber leider nicht mit den Beobachtungen in der Realität.
Dann könnte man noch die Meinung vertreten, der Glaube an mächtige und autoritäre Götter führe zu Intoleranz und Unmenschlichkeit. Der Buddhismus kommt, genau wie der Humanismus, ohne mächtige und autoritäre Götter aus. Das hat ihm in der westlichen Welt einige Sympathien eingebracht. Trotz des Zuwachses in Europa machen Buddhisten jedoch weniger als 0,5 % bis 0,6 % der europäischen Gesamtbevölkerung aus (https://de.wikipedia.org/wiki/Buddhismus_in_Europa), und weltweit ist er sogar auf dem Rückmarsch. Im Realitätscheck spielte der Buddhismus, entgegen der westlichen Verklärung, in der Vergangenheit leider nicht immer eine rühmliche Rolle bei den Themen Macht, Korruption und Gerechtigkeit (siehe Myanmar/Burma, Sri Lanka und Thailand).
Warum Humanismus trotzdem nicht die Antwort auf alles ist
Wenn man sich die soziale Realität ansieht, könnte man wirklich zu dem Schluss kommen, dass der Humanismus immer noch am besten funktioniert und Religionen nur Probleme bereiten. Es gibt aber Aspekte in Religionen, die dem Individuum etwas geben können, was der Humanismus nicht aus sich selbst heraus zu schenken vermag. Der Humanismus ist deswegen nicht unterlegen oder unzureichend, sondern ein kostbares Fundament und ein Korrektiv für die Spiritualität.
Ein Sinn für das eigene Dasein über den Tod hinaus. Das ist für viele Menschen ein wichtiger Aspekt, der ihnen Halt und Zuversicht gibt. Gerade dann, wenn man das irdische Leben als ungerecht und unerträglich empfindet.
Ein Sinn für die Aufopferung für Andere. Sich zurückzunehmen und nicht innerlich gegeneinander aufzurechnen, kann leichter fallen, wenn man das Gefühl hat, Teil von etwas Größerem zu sein. Im Christentum gibt es dafür zum Beispiel das Konzept des „Heilsplans“.
Der Glaube an die Überwindung des Unmöglichen. Wenn man sich für einen aufgeklärten Menschen hält, der in einem funktionierenden Sozialstaat lebt, kann man leicht geringschätzig darauf herabschauen, dass jemand um Gesundheit und Wohlstand betet. Wenn du aber in einem Schwellenland in den Slums lebst, sind Armut und Tod allgegenwärtig. Eine Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung scheint dort oft die einzige „rationale“ Option zu sein.
Die Einordnung einer erlebten mystischen Erfahrung (oder auch „Erweckungserlebnisses“). Es gibt immer wieder Menschen, die ein Erweckungserlebnis haben. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Der Glaube bietet eine Möglichkeit, dies für sich einzuordnen. Oft geht einer Erweckungserfahrung eine tiefe Krise voraus. Eine gelungene Krisen- oder Traumaverarbeitung kann in einem erlösenden Erweckungsmoment münden. Die Überwindung einer solchen Krise kann der Betroffene nicht immer rational für sich erklären. Die Welt um ihn herum ist dieselbe, aber er sieht sie auf einmal mit anderen Augen. Manche sagen, dass das Wort „Gnade“ das Gefühl am besten beschreibt, das sie dabei empfinden.
Die „Gnade“ ist ein christlich-theologisches Konzept und wird heute jedoch immer weniger verstanden. Für viele säkulare Menschen ist der Begriff „Gnade“ untrennbar mit „Erniedrigung“ verbunden. Das hat allerdings wenig mit dem christlich-theologischen Verständnis von Gnade zu tun. Siehe hierzu auch den Wikipedia-Artikel „Gnade (Theologie)“.
Dieses konzeptionelle Miss- bzw. Unverständnis des Begriffs „Gnade“ überschneidet sich mit dem Begriff „Demut“. Beides ist sehr eng miteinander verbunden. Mit dem Begriff „Demut“ hatten wir uns schon einmal am 11.01.2025 beschäftigt.
Diese Konzepte von „Demut“ und „Gnade“ sind dem Hellenismus und Humanismus weitgehend fremd. Und so kommt Paulus in 1. Korinther 1,23 zu dem Schluss: „Wir aber verkünden den Menschen, dass Christus, der von Gott erwählte Retter, am Kreuz sterben musste. Für die Juden ist diese Botschaft eine Gotteslästerung und für die Griechen blanker Unsinn.“
Synthese-Versuch
Ein großes und schwieriges Thema in der Theologie ist die Frage nach der Rolle Gottes in der Welt.
Den frühen Freunden war durchaus bewusst, dass es nicht unproblematisch ist, eine Gesellschaftsordnung auf einer Theokratie aufzubauen. Deswegen wurde dies auch nicht angestrebt. Interessanterweise wurde bei der Anti-Sklaverei-Petition von Quäkern in Germantown 1688 argumentativ auf der sogenannten Goldenen Regel aufgebaut, der auch ein Humanist folgen kann. Obwohl es ein Text von gläubigen Quäkern für gläubige Quäker war, wurde darin nicht die ewige Hölle für diejenigen Quäker angedroht, die andere Menschen versklavten, sondern an die Vernunft und die Empathie appelliert.
Als eine Antwort auf die humanistischen Ideen könnte man den Deismus im Christentum verstehen. Als Deismus bezeichnet man eine Religionsauffassung, nach der nur Vernunftgründe, nicht die Autorität einer Offenbarung, zur Legitimation theologischer Aussagen dienen können. Ein Thema, das gerade unter Quäkern eine gewisse Sprengkraft besitzt, wie man schon an der sogenannten Keith-Kontroverse im 17. Jahrhundert gesehen hat. Diese Streit zog sich bei Quäkern über Jahrhunderte hinweg und führte immer wieder zu Spaltungen der Gemeinschafft.
Einen ganz anderen Synthese-Versuch sehe ich in der sogenannten Allversöhnung – einer christlichen Theologie, die versucht, ohne Hölle und ewige Verdammnis auszukommen. Aktuell sehr präsente Vertreter sind der Theologe, Pastor und Podcaster Martin Benz sowie der Theologe Martin Thomas. Hier wird versucht, das Inhumane im Christentum bzw. die Inkompatibilität des Christentums mit dem Humanismus dadurch aufzulösen, dass auch dem schlimmsten Sünder noch ein „Happy End“ versprochen wird. Und sie bringen eine ganze Reihe plausibler Argumente vor, die schlüssig klingen.
Man kann sich jedoch darüber streiten, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich so detaillierte Gedanken über das Jenseits zu machen, von dem wir keine empirischen Erkenntnisse haben. Die allermeisten Quäker würden das klar verneinen. Wichtig ist, was hier und jetzt hilft, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – und mich zu fragen: Bin ich Teil der Lösung oder Teil des Problems?
Oder, wie es die frühen Freunde ausdrücken würden: “Stehe ich im Licht oder in der Finsternis?” Wo ich stehe, zeigt mir das „innere Gericht/Licht“, wenn ich mich selbst ehrlich prüfe bzw. prüfen lasse.
Und auch zu all diesen Themen ließe sich noch viel mehr sagen. So zeigt sich, dass der Glaube und die Theologie ein wahres „Rabbit Hole“ (Kaninchenbau) sind, in dem man sich wunderbar verlieren kann. Glaube ist aber eben nicht (nur) Theorie, sondern auch Praxis und Erleben! Die Idee der Quäkerandacht ist es, selbst zu einer Erkenntnis und zum Erleben zu kommen und auf Menschen zu treffen, mit denen man das teilen kann.
Rechte
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